Studienbeiträge
Aktueller Briefwechsel
Sehr geehrter Herr Staatsminister,
mit viel Interesse habe ich in den Medien gelesen, dass es zum kommenden Wintersemester in Hessen
keine Studiengebühren mehr gibt.
Als Vater von 2 Kindern (mein Sohn studiert bereits im 4 Semester Maschinenbau an der Uni und meine
Tochter möchte in einem Jahr mit dem Studium beginnen) bin ich natürlich ein Hauptbetroffener dieser
hohen Studiengebühr.
Wenn ich nun die politischen Kräfte mir im Bundesland Hessen anschaue, stelle ich fest, dass die SPD
und die Grünen das Aus für die Gebühren auf den Weg gebracht haben.
Ihre Partei bzw. der Koalitionspartner CDU kämpfte nun erfolglos für die Gebühren und die jungen Menschen
in Hessen haben nun wieder das Glück in einem richtig regierten Bundesland leben zu können.
Das pikante an der Geschichte ist auch die Tatsache, dass Karl-Heinz Koch, der Vater von Roland Koch
die Abschaffung der Gebühren eingeführt hat, und ein studieren unabhängig von den finanziellen
Voraussetzungen des Elternhauses allen Menschen ermöglichte.
Sie können sicher sein, dass es für unsere Familie ein riesiges Problem ist, diesen Betrag rechtzeitig
bereitzustellen. Urlaubreisen sind bei uns schon lange gestrichen und können frühestens nach der
Berufsausbildung der beiden Kinder wieder ins Auge gefasst werden.
Wenn ich mir die dummen Bemerkungen anhöre:
o die Studenten sollen doch dazuverdienen
o oder mit Krediten ihr Studium finanzieren
Ist es die politische Vorstellung der CSU in Bayern, dass ein junger Mensch ins Berufsleben einsteigt,
mit tausende Euros an Schulden?
Für mich und viele meiner Kollegen in Bekannten und Freundeskreis sehen diese Sachlage ähnlich.
Hoffentlich bekommen sie im Herbst 2008 die politische Abrechnung für Ihr unsinniges Handeln.
Gruss
Z.-E.
die aktuelle hessische Diskussion um Studienbeiträge zur Verbesserung der Lehre an insgesamt übervollen Hochschulen im benachbarten Land hat Sie veranlasst, sich hier mit einem Kommentar zu Wort zu melden, der das Ziel verfolgt, mir ordentlich Schrecken einzujagen, was den 28. September 2008 anbelangt. Sichtlich gehen Sie bei den Feststellungen, die Sie treffen, davon aus, dass es dem einen oder anderen Vertreter in der Politik (so wohl auch mir) an der Fähigkeit fehlt, sich in die Lage betroffener Familien zu versetzen, wenn es darum geht, die finanzielle Mehrbelastung zu verkraften, die dem Einzelnen auferlegt ist, seit dem es (im Sommer 2007) erstmals seit knapp 30 Jahren wieder Studienbeiträge gibt. Seinerzeit war es Hörgeld, was bezahlt werden musste. Der Beweggrund, es zu erheben, war ganz ähnlich: Damals ging es darum, Professoren dazu zu veranlassen, ihre Vorlesungen und Übungen so attraktiv zu gestalten, dass sie dafür Studenten akquirieren konnten. Heute geht es darum, zwischen Professoren und Studierenden ein symbiotisches Verhältnis herzustellen, das alle Beteiligten auf Gegenseitigkeit in die Pflicht nimmt, einerseits modernsten Vorlesungsstoff zu bieten, andererseits um ein rasches Studium und einen guten Abschluss bekümmert zu sein.
Das, was wir heute von Studierenden erwarten, mutet unsere Gesellschaft jungen Handwerksmeistern seit Menschengedenken zu: Eine Teilfinanzierung der eigenen Ausbildungskosten. Wer den Meisterbrief erwerben will, muss das (von Ausnahmefällen abgesehen, die es im Studienbeitrags-Erlassangebot auch gibt) dort zur Gänze selbst finanzieren – im Einzelfall bis zu 10.000,–€ in einem Kalenderjahr! Studierende hatten bisher (seit den siebziger Jahren) fast „alles frei“, ein Privileg, das sich für 5 bis 10% der Bevölkerung womöglich noch finanzieren ließ, bei einem Anteil von 30 bis 50% eines Jahrgangs nicht mehr zu schultern ist.
Fest steht, dass die Einführung der Studienbeiträge an unseren Hochschulen eine Gesprächskultur in Gang gesetzt hat, die für sich genommen schon zu Verbesserungen im Alltagsbetrieb der Hochschulen kräftig beiträgt. Fest steht, dass viele, seit Jahren nicht in Angriff genommene logistische Verbesserungen für den Studienalltag inzwischen durch den Einsatz der Studienbeiträge abgearbeitet werden können. Fest steht, dass sich überall die Nutzerzeiten für die Bibliotheken erweitern, dass nicht wenige Studierende selbst durch bezahlte Hilfstätigkeiten im Zusammenhang mit den Studienbeiträgen in den Genuss bezahlter und in das Studium integrierter Arbeitsaufträge kommen. Fest steht außerdem, dass die große Mehrheit der benachbarten Länder (international) längstens Studienbeiträge erheben und dass alle an unseren Hochschulen seit Jahren lautstark beklagen, dass es unseren Spitzen-Bildungsanstalten daran mangelt, in der jeweiligen Ausstattung mit Wettbewerbern aus England, Amerika, Frankreich etc. Schritt halten zu können. Die Studienbeiträge sind eine mögliche Maßnahme, da unkonventionell zu besseren Ausgangsbedingungen zu kommen. Mehrheitlich zumindest höre ich von all unseren Standorten, dass die Studienbeiträge diese Defizite ausgleichen helfen.
Das Studienbeitragsmodell im Freistaat Bayern zielt nicht darauf ab, dass die fälligen Anteile für den einzelnen Studierenden aus dessen Familie bezahlt werden. Alle, die an unseren Hochschulen inskribiert sind, haben einen Rechtsanspruch auf ein entsprechendes (zinsgünstiges) Darlehen, das erst nach Abschluss des Studiums zurückbezahlt werden muss und, das nur dann fällig wird, wenn im Anschluss an das Studium eine adäquate Beschäftigung für den betreffenden Absolventen zur Verfügung steht. Gelingt der Einstieg in ein Einkommensverhältnis nicht, werden die vorverauslagten Studienbeiträge zuerst auf Zeit gestundet, am Ende womöglich sogar ersatzlos gestrichen. Von der Sonderbelastung, die Sie schildern, kann also nicht die Rede sein. Dass man sich in der Hinsicht allerdings auch sehr wohl schlecht rechnen kann, ist mir durchaus bewusst.
Darf ich Ihre Frage zurückgeben? Ist die politische Vorstellung der anderen Parteien in Bayern gerechter, dass junge Menschen, die nicht studieren, mit der doppelten Belastung an Schulden in den Beruf starten, wenn sie den Meisterbrief erwerben, als Studierende in diesem Augenblick? Um die Belastung derer, die nicht studieren, aber an einer qualifizierten Ausbildung interessiert waren und sind, haben sich all die Kritiker, die jetzt das Wort ergreifen, in der Vergangenheit nie gekümmert. Oder habe ich da etwas überhört, was Sie und Ihre Kollegen im Bekannten- und Freundeskreis schon immer so geäußert haben?
Ihre Schlussfolgerung ist unfreundlich und artikuliert Ihren Wunsch, endlich die Kräfte in Bayern am Ruder zu sehen, die in anderen Länder seit wenigen oder vielen Jahren nachweisen, dass sie mit dem ihnen anvertrauten Geld nicht umzugehen verstehen (zumindest dramatisch schlechter!). Ihre Hoffnung eröffnet gleichzeitig die Perspektive, dass Sie ein von SPD und Grünen oder SPD, Linken und Grünen oder einer Vierer- oder Fünfer-Koalition geführtes Land erleben, das – gemessen an den andernorts erreichten Zielen der Politik – einen ersten deutschen Platz im internationalen Wettbewerb nicht mehr für sich reklamieren kann. Ob das den Verzicht auf Studienbeiträge rechtfertigt, die niemand sofort von Ihnen verlangt und die – Sozialstaat, der wir auch in Bayern sind – im Ernstfall niemandem außer der Gemeinschaftskasse zur Last fallen, weiß ich nicht. Oder doch? Es bleibt dabei: Es macht Sinn, auf die seit über 40 Jahren erprobte Einsichtsfähigkeit und Weitsicht der Bayern zu zählen! Dass eine solche Weitsicht auch auf Gegenstimmen stößt, will sehr wohl bedacht, aber auch riskiert sein. Insoweit werden wir beide uns wohl nicht handelseinig.
Mit freundlichem Gruß
Dr. Thomas Goppel, MdL












